Zuviel ich.
Posted by leonie at 01:56 PM on November 13, 2003.
Irgendwie vernachlässige ich diese Seite hier ziemlich. Vielleicht auch deshalb weil ich hier ICH bin. Und mich niemanden zumuten will. Ich bin es nicht gewohnt hier zu schreiben, nicht so sehr ich, wie in meinem anderen Tagebuch. Und nicht so, wie sehr ich dort ich bin, wenn ich bin. Indem ich nichtmal mehr anonym ICH sein kann, weil es aufgerissen, darin gegraben, beschmutzt und entehrt wurde, wie eine antike ägyptische Grabkammer. Gewohnheit. Man merkt nicht wie sehr man an seinen Gewohnheiten festhält. Auch an solchen die keineswegs gut für einen sind. Und trotzdem meint man ohne sie nicht existieren zu können. Aber auch da, betrügt man sich nur selbst. Um sich zu beruhigen. Um an irgendetwas festzuhalten, das wenigstens irgendetwas greifbares ist. Auch wenn es immer ungreifbarer und weniger wird, das man festhalten, angreifen und begreifen kann. Und wo man erst viel zu spät merkt, dass es einem immer mehr aus den Händen gleitet und unkontrollierbarer wird, weil es selbstständig wird, ein Eigenleben entwickelt und nun stat Dir die Kontrolle üernommen hat. Dass es mehr Macht über Dich gewinnt und hat, als Du Dir jemals vorstellen konntest. Langsam. Und Fortschreitend. Bis es Dich völlig in der Hand hat. In ihrer Faust.
Im Moment ist mein Leben ziemlich schnell. Ich bewege mich schnell. Am meisten wohl meine Gedanken. Plan im Kopf. Listen. Alles zu erledigende Dinge. In Reihenfolge aufgegliedert. Koordiniert, Organisiert, geplant und strukturiert. Schnell, schnell. Komm schon. Mach weiter. Und ich frage mich beiläufig wo mein Leben ist. Oder ob ich überhaupt eines habe. Und je hatte. Ob das, was noch übrig davon ist, Stück für Stück von mir abfällt, wenn ich durch die Zeit renne. Durch die Station. An den alten langsamen Menschen vorbei, deren Geschwindigkeit und deren Alter ich manchmal nicht mehr ertragen, aushalten kann. An meinen Kollegen, die sich in meiner Geschwindigkeit wie in Zeitlupe bewegen und deren Gelassenheit und Resignation ich ins Gesicht spucken will, weil ich sie nicht achte, verachte und nicht respektiere. Vielleicht weil ich selbst es nicht kann, meiner Ansprüche wegen, die nicht dieselben sind wie die ihren. Wie sich alles um mich in Zeitlupe bewegt. Weil ich zu schnelll bin. Und wieder mal alles will. Oder nichts.
Mir fehlt die Geduld. Und die Ausdauer. Und all diese Langsamkeit der ich durch meine Hyperaktivität konfrontiert bin macht mich aggressiv. Wenn ich nicht in Bewegung sein kann, inne halten muss, jemand anderer die Zeit vorgibt, weil er nicht schneller kann, oder will. Dann werde ich aggressiv. Und wütend. In mir kocht und brodelt es. Wie in einem Schnellkochtopf. Alles gerät in Wallung. Bis ich kurz vor dem explodieren bin. Dann ist es besser ich verschwinde und lasse die Aggression kurzfristig zu, um sie mit der Faust gegen die Wand zu schleudern. Oder gegen den Türstock, der da so still steht und mich blöde angrinst. Komm schon, schlag mich, Du blöde Faust. Und ich, die blöde Faust, schlägt zu. Nun grinst er nicht mehr. Das blöde Grinsen hat sich auf meine Knöchel gebrannt. Ich bin stärker. Und härter. Wie jede Wand, jeder Türstock es auch nur sein kann. In mir ist alles so laut. Das andere Extrem zu der Totenstille und Sprachlosigkeit die ich vor einiger Zeit noch wahrnahm. Die mich überschatteten und Handlungsunfähig machten. Die Leere, die mich aufzufressen schien. Zu verschlingen drohte. Und diese extreme Kälte die mich umgab und immer noch umgibt. Mehr als je zuvor. Diese beschissene Kälte. Die mich nochmal umbringt. Und kalt macht.
Ich habe Angst. Angst das es zu spät ist. Wofür auch immer. Dass es mir entgleitet. Und dass ich keine Zeit mehr habe. Aber wofür?, frage ich mich. Keine Ahnung. Ich habe auch keine Zeit darüber nachzudenken. Keine Zeit. Ausser um krankhaft viel zu arbeiten und weiterhin meine krankhaften quälenden Gedanken meiner Selbst zuzulassen. Sich selbst zu foltern ist doch ziemlich edel, nicht wahr? Wie heldenhaft. Wie asketisch. Und wie verrückt. Aber ich bin der Menschen um mich schon ein weites Stück abgerückt, verrückt. Und doch haben sie paradoxerweise das Gefühl, dass ich mehr im Leben stehe und ihnen näher, als die letzten Monate zuvor. Wie leicht Täuschung zu vollziehen ist. Wie leicht, wie traurig, eigentlich. Und wie schnell sich hier Wünsche und Hoffnungen der anderen an mir vermeintlich vollziehen. Dabei sehen und merken sie nicht, dass ich gerade wieder dabei bin, mich auf den Weg davon zu machen. Und wahrscheinlich sowieso schon meilenweit entfernt bin.
Ich bin einfach zuviel. Vielleicht versuche ich mich in Schnelligkeit in Tausend Stücke aufzulösen. Vielleicht, versuche ich wegzulaufen während ich hoffe, dass es abfällt. Von ganz alleine. Vielleicht jage ich aber nur meinen Illusionen hinterher, die sich langsam von mir verabschieden und in der Versenkung verschwinden. Die ich mit aller Gewalt zurückziehen und vor dem Abgrund bewahren will. Obwohl ich weiss, dass ich sie nicht retten kann und endlich loslassen muss. Weil sie mich sonst mitnehmen. Wohin sie verschwinden werden.
Ja. Ich denke "high", würde es am ehesten beschreiben.
Genauso fühle ich mich: Völlig high, und Adrenalinumnebelt.
Macht süchtig. Mein Junkieverhalten.
Mama? Was ist eine Seele?
Posted by leonie at 03:06 PM on November 2, 2003.
"Mama? Was ist eine Seele?", habe ich gefragt als ich etwa sechs Jahre alt war und der Tod meines Großvaters aktuell. Und sie erklärte mir, dass jeder Mensch eine Seele hat. Dass man sie bekommt, wenn man geboren wird. Und sie widerrief, als sie mit meiner Schwester schwanger wurde, "Nein, man bekommt sie schon wenn man im Bauch der Mutter heranwächst". Und dass sie aus dem Körper schwindet, sobald man stirbt und sie dann in den Himmel kommt und dort weiterlebt. "Wie sieht die Seele aus?", fragte ich. "Das ist unvorstellbar", sagte sie. "Sie sieht nach nichts aus. Man sieht sie nicht und kann sie nicht anfassen. Sie ist unsichtbar und einfach da. Und man kann sie nur spüren." Das wollte ich nicht akzeptieren. Wenn etwas existiert, dann muss es auch nach etwas aussehen. Und ich stellte mir vor, wie die Seele auszusehen hat. Sie hat eine ovale Grundform, eher länglich, so in etwa wie ein Fischfilet oder ein Schnitzel. Sie ist dünn, von einer Stärke von vielleicht einen halben Zentimeter, und von glatter Struktur, etwa zwanzig Zentimeter lang und zehn breit. Und sie ist grau. Hellgrau. Und durchscheinend, fast unsichtbar, wie Nebel. So sieht die Seele aus. Komischerweise habe ich heute immer noch dieselbe Vorstellung davon dass die Seele genauso aussieht. Und nicht anders. Tatsache aber ist: Sie gibt es. Alles was eine Wirkung zeigt ist wirklich. Also ist die Seele etwas sehr wirkliches.
"Wo ist die Seele?", fragte ich weiter. "Sie ist in uns", antwortete sie, "ganz tief, da drinnen, in unserem Körper", fuhr sie fort und tippte dabei auf meinem Bauch. Ich stellte mir vor, dass die Seele wie ein lebenswichtiges Organ fester Bestandteil jedes Körpers sei und in der Magengegend liegt. Im Bauch. Da ganz tief drinnen. "Hat meine Seele schon einmal gelebt?", wollte ich wissen. "Und wem gehörte sie?" "Das weiß nur Gott", sagte sie. Gott. Jetzt kommt auf einmal Gott ins Spiel. Immer wenn etwas unerklärbar ist, bekommt Gott den schwarzen Peter. Ich ging in die Kirche, um diesen Gott zu suchen. Und vielleicht Antworten auf meine Fragen zu erhalten. Eingebunden in der Pfarrgemeinde, ministrierend unzählige Messen begleitend. Aber ich fand sie nicht. Die Antworten, die mich zufrieden stellten. Die Antworten darauf, was genau nun wirklich die Seele ist, woher sie kommt, ob sie weiterlebt, Körperlos, unsterblich ist oder doch in andere, Neugeborene Hüllenwirte schlüpft. Ob man sie spüren, greifen, fassen kann, ob sie grau und durchsichtig nebelig ist und ob sie wie ein Fischfilet aussieht. Mittlerweile habe ich sie schon längst kennen gelernt. Meine Seele. Sie verändert meine Erfahrung von Sehnsucht, Freude oder Hoffnung in körperliche Empfindungen wie, ein Druck im Brustraum, körperliche Schwere, oder ein Ziehen, zusammen und vereint mit den Gedanken und Phantasien die mit Sehnsucht, Freude und dergleichen einhergehen. Sehnsucht ist nicht bloß ein Gedanke. Sehnsucht hat Gewicht und Substanz die ich wirklich wahrnehmen kann. Sehnsucht enthält sowohl Aspekte körperlicher als auch geistiger Erfahrung, und doch ist sie anders als jede der beiden für sich allein oder als die Summe ihrer Teile. Die meisten Menschen würden wohl das Wort Emotionen gebrauchen. Aber das Wort "Emotionen" hat ganz andere Implikationen. Eine Emotion ist etwas, das ich entweder erschaffe oder das in mir entsteht. Aber wenn ich sage: "Ich bin verliebt" oder "Ich bin verzweifelt", dann ist das die poetische Beschreibung einer anderen Erfahrungsqualität. Es ist nicht nur in mir, ich bin auch "darin". Ich spüre es, ich erfahre es und was ich erfahre, ist Teil des Feldes in dem ich mich bewege. Beseelt sein heißt also, sich eben dieser Dimension der Erfahrung zu öffnen. Gefühlvoll oder emotional hingegen hat eine andere Geschmacksrichtung. Wenn ich sage: "Ich habe ein Gefühl" oder "Ich habe eine hormonelle Reaktion", dann werden Freude und Hoffnung zu physiologischen oder chemischen Begleiterscheinungen.
Manchmal tun wir etwas was auf den ersten Blick in Ordnung zu sein scheint, um dann später mit Bestürzen festzustellen, dass die Seele sich verschließt und eingeschüchtert ist. Oder wir verstoßen gegen ein Selbstauferlegtes Verbot und stellen fest, dass die Seele sich öffnet. Diese öffnende und schließende Bewegung der Seele kann man fühlen. Man kann ihr nachgehen und feststellen, wann und wodurch die Seele sich öffnet, so dass wir ein Gefühl von Weite haben, von Lebendigkeit, vielleicht auch Verletzlichkeit oder Offenheit - all das sind Bewegungen der Seele, keine Vorstellungen oder Phantasien, sondern wirkliche Erfahrungen. Es ist nichts, was der Körper im eigentlichen Sinne macht, auch wenn wir es körperlich spüren können. Seele ist also das, was ich als sich öffnend oder sich schließend erlebe. Wenn ich z.B. Musik höre, dann empfinde ich vielleicht so etwas wie "Wunderschön!", und etwas in mir beginnt angesichts dieser Schönheit zu weinen. Eine sinnliche Erfahrung. Ich spüre, wie die Schönheit etwas in mir berührt. Dieses Gefühl von "Mein Gott, ist das schön", ist mir vertraut und gibt meinem Leben Sinn.
Heute Vormittag hörte ich diese Radiosendung. Und auch hier ging es, zum Datum passend, um die Seele. Und auch um sterben. Dass man sich beim Sterben in einem Bewusstseinserweiterten Zustand befindet. Manche Menschen vom Leben nicht loslassen können und Angst vorm sterben haben. Manchmal sind es die Sterbenden selbst. Und dann wieder die Angehörigen, die sie nicht gehen lassen können. Auch ich habe schon sehr oft erlebt, dass sich manche Sterbende mehrere Tage gequält haben, bis sie endlich dazu bereit waren zu gehen. Oder der Organismus schon so geschwächt war, dass er es beendet hatte. Manchmal aber sitzen Angehörige Tag und Nacht am Bett um dabei zu sein. Und kaum stehen sie auf, gönnen sich eine kurze Pause um zu essen oder zu rauchen, lässt der Sterbende los. Um den Abschied nicht schwerer zu machen. Erträglicher, für den Abwartenden, schon seit Stunden am Bett sitzenden. Ich erinnere mich an meine Lieblingspatientin. Eine, für die ich so viel empfunden habe, wie ich es vorher und auch danach nie wieder erlebt habe. Ich beschäftigte mich sehr viel mit ihr. Wir lasen zusammen Bücher, rezitierten Gedichte, lachten und kuschelten uns aneinander. Berührungen sind mir sehr wichtig, und viele Heimbewohner dürfen das. Bis zu einem gewissen Grad. Aber bei ihr, war das etwas völlig anderes. Sie durfte mir über den Kopf streicheln, meine Wange, mich umarmen und meine Backen küssen. Ich mochte es. Und sie genoss es meine Hand zu halten, zu tätscheln und mir immer wieder zu sagen wie schön meine blauen Augen seien. Wir beide hatten, gegenseitig, tiefe Zuneigung füreinander.
Als sie eine Lungenentzündung bekam, schaffte sie es nicht mehr sich davon zu erholen. Es ging ihr immer schlechter, bis sie schließlich überhaupt nicht mehr ansprechbar war. Tagelang schon lag sie in Agonie. Nach meinem letzten Nachtdienst, als ich die Station verließ und nun drei Tage frei haben sollte, dachte ich viel an sie. Und ich war traurig. Sehr traurig. Ich wusste, wenn ich wiederkam, würde sie nicht mehr am Leben sein. Ich hoffte es. Denn ich wollte nicht dabei sein. Nicht im Dienst. Ich wollte "dieses Problem" mich mit ihrem Sterben und ihrem Tod und damit etwas für mich wertvolles zu verlieren auseinanderzusetzen - einfach vom Tisch, von der Station haben, wenn ich meinen nächsten Dienst antrete. Aber ich habe die Rechnung ohne sie gemacht. Denn sie hat auf mich "gewartet". Als ich morgens die Station betrat, war doch der erste Gang an ihr Bett. Und plötzlich war ich heilfroh. Ich spürte, dass ich dabei sein wollte. Sollte. Bei ihr. Zusammen mit ihrer Tochter und ihrem Enkelsohn zu denen ich ebenfalls einen sehr guten Kontakt hatte, saß ich an ihrem Bett und hielt ihre Hand. Bis sie zu atmen aufhörte. Sterben, Tod, Leichen versorgen - es ist seit Jahren mein Alltag. Aber noch nie in meinem Leben, und auch danach nie wieder, habe ich es so erlebt, wie damals.
Diese eigenartige Atmosphäre die da herrschte. Diese Wärme im Raum. Weich. Als ob alles in Watte gepackt wäre. So fühlte sich das an. Warm und weich. Und auch wenn es verrückt klingt: ich fühlte mich ausgesprochen wohl. Es hatte etwas Angenehmes, Geborgenes, Beschützendes. Ganz besonders stark spürte ich es, als ich mich über sie beugte um ihre Werte zu prüfen. Der Pulsschlag war nicht mehr zu fühlen. Und in diesem Moment empfing ich das Gefühl tiefer Ruhe. Vielleicht möchte ich daran glauben. Und vielleicht ist es auch nur eine Illusion - aber ich stellte mir vor, dass genau in diesem Augenblick die Seele den leblosen Körper verließ. Um sich zu verabschieden. Sich zu bedanken. Und ein letztes mal zurück zu winken.
Vor diesem Erlebnis scheute ich es mit Angehörigen zusammen am Sterbebett zu sitzen. Sie ebenfalls in ihrer Trauer zu unterstützen. Verrichtete meine notwendige Arbeit und eilte wieder aus dem Raum. Ich hatte Angst. Angst vor dem Tod, vor dem Sterben, Angst davor trösten zu müssen. Mit Sicherheit habe ich immer noch Angst davor tot zu sein. Ich will nicht tot sein. Weil ich noch so viel erleben möchte. Leben möchte. Und weil ich weiß, spüre, dass es für mich noch nicht Zeit ist, tot zu sein. Aber ich habe keine Angst mehr vor dem Sterben - vielleicht auch deshalb, weil ich weiß, dass ich eine Seele habe.
Illusion ..
Posted by leonie at 03:39 PM on November 1, 2003.
Lange nicht geschrieben. Weil ich paralysiert war. Weg. Und Ausgezogen. Aber jetzt bin ich ja wieder da. Wie ich immer da bin. Und wieder komme. Immer. Anton ist noch bei meiner Mutter. Den muss ich heute endlich holen, weil ich den total vermisse. Mein Kuschelhasi. Er ist eben weggegangen. Und ich spüre förmlich, wie sich die gedrückte Stimmung verzieht und ich Luft zum Atmen bekomme. Und doch jedesmal diese Ungewissheit, wann er wieder nach Hause kommen wird. Und auch die Ungewissheit, ob er hier nun ebenso liest. Ob er alles liest. Sowieso. Und immer schon hat. Ich bin nirgends mehr privat. Allein. So weit man das im Internet auch nur sein kann.
Heute Morgen hatte ich einen Lachkrampf. Weil Herr T., ein Patient, um fünf Uhr morgens ganz aufgeregt zum Dienstzimmer kam, fuchtig auf seine Arme deutete und von seinem Zimmerkollegen Herrn D. berichtete:
"Der hat sich die Illusion heraus gerissen!"
*lol*
geboren - Plumps
Posted by leonie at 01:04 AM on October 18, 2003.
Ich habe geschwollene Finger. Die Tasten schmerzen auf den Fingerkuppen. Schuld daran ist Plumps. Insgesamt 10 Stunden habe ich gebraucht, ihn auf die Welt zu bringen. Da ich keine Nähmaschine habe, wurde jede einzelne Naht die auf ihm zu finden ist, mit der Hand gemacht. Stich für Stich. Und die geschwollenen Finger sind es wert. Ich habe etwas geschaffen, hergestellt, produziert. Er sitzt da und schaut so lieb. Und ich freue mich. Anton rennt im Käfig umher und beschwert sich, dass ich ihn heute noch nicht gekuschelt habe. Hole ich morgen nach. Ich schwörs! Plumps musste doch fertig werden. Für ihn selbst war seine Geburt so anstrengend, dass er sich erstmal zum erholen in meinen Philodenthron gelegt hat.
In meiner Verzweiflung näh ich mir sogar schon Kuscheltiere.
Muss ich fertig sein.
Anton
Posted by leonie at 11:03 AM on October 13, 2003.
Die Augen schließe ich, wenn Du Dich sanft an mich schmiegst. Es ist so ein warmes, angenehmes Gefühl. Dein Körper, lang und flach von Dir gemacht. Du genießt es sichtlich, wenn ich mit meiner Hand Deinen Körper streichle. Du hältst inne, bewegst Dich nicht. Stundenlang könnten wir diese Spiel miteinander fortführen, würde meine Hand nicht irgendwann müde von den monotonen, immer wieder ausführenden selben Bewegungen werden. Stundenlang könnte auch ich es genießen, wie Du auf mir liegst, an mich gepresst, Deine Nase in meiner Halsgrube vergraben. Beschützend halte ich Dich und Deinen kleinen warmen Körper. Als könnte ich etwas verlieren. Glücksgefühle steigen in mir auf. Liebevolle. Wenn Du Dich bewegst, weiß ich, dass es kein Traum ist. Weiß, dass ich etwas Lebendiges in Armen halte. Weiß, dass Du ein hilfloses kleines Lebewesen bist, dass ebenso wie ich, diesen Körperkontakt genießt. Die Verantwortung habe ich für Dich übernommen, und wahrscheinlich ist es das auch, was ich brauche. Was mir fehlt. Was mir eine Art von Sinn gibt. Sich um jemanden zu kümmern. Menschen nützen das aus. Menschen nützen übermäßiges Verantwortungsgefühl anderer, für sich selbst. Du, bist Dankbar dafür. Und zeigst es mir in jedem Deiner Bewegungen. Wenn Du Dich wie ein Schal um meinen Hals legst, wie ein Polster auf meine Brust, und Deine kleine süsse Nase in meiner Halsgrube oder meiner Achsel versteckst. Du vertraust mir. Und dafür, bin ich Dankbar, lieber Anton.
Der Anton, war bist gestern das Häschen meiner Schwester. Den ich immer aus dem Käfg gezogen und gekuschelt habe, wenn ich bei ihr war. Ich sitze beim Kaffee und sage "Wenn Stephan ausgezogen ist, ist das erste was ich mir anschaffe, ein Haustier. Ich fühle mich allein. So oft." Meine Mutter und Schwester sind der Meinung, dies wäre sehr gut für mich. Soll ich mal machen. Damit ich nicht immer so traurig bin, sagen sie. Während Anton auf meinem Schoß sitzt und mit mir kuschelt. Gismo, der Wauzi, ist eifersüchtig, will dauerd auf meinen Schoß, wo Anton sitzt und schleckt ihm das Fell. Und weint dabei, während er mich mit den großen Augen eines ganz armen Hundes ansieht, weil ich ihm weniger Aufmerksamkeit als Anton schenke. "Kann ich ihn haben?", sage ich belustigt und eher mehr aus Spass, während ich mit dem Kopf auf Anton deute. Meine Schwester schaut meine Mutter an und verschwindet Wortlos in ihrem Zimmer. Zurück kommt sie mit dem leeren Käfig, seiner gesamten Ausstattung an Heu, Stroh, Futter - für ein ganzes Monat. "Nimm ihn mit. Ich weiß, er wird Dir guttun, und bei Dir, hat er's sowieso besser als bei mir.", sagt sie in Anspielung darauf, dass sie kaum zu Hause und viel untwerwegs ist. Ich schaue blöd. Zuerst. Kann es nicht glauben. Frage mehrmals nach. Wieso denn? Bist Du sicher? Einfach so? Dann lache ich. Und freu mich. Anton, ist jetzt meiner.